Allgemeine Didaktik - Ein erziehungstheoretischer Umriss

Allgemeine Didaktik - Ein erziehungstheoretischer Umriss

 

 

 

von: Rotraud Coriand

Kohlhammer Verlag, 2015

ISBN: 9783170301733

Sprache: Deutsch

174 Seiten, Download: 2981 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Allgemeine Didaktik - Ein erziehungstheoretischer Umriss



 

 

 

 

 

 

 

II


Erziehung – Unterricht – Allgemeine Didaktik


1          Zum Zusammenhang von Erziehung und Unterricht


Die Untersuchung des systematischen Zusammenhangs von Unterricht und Erziehung drängt sich zunächst aus praktisch-pädagogischer Perspektive auf, nämlich dann, wenn es beispielsweise in den immer wieder neu geführten Diskussionen um die Hauptaufgabe von Lehrerinnen und Lehrern – »Unterrichten oder Erziehen?« – geht. Diese Frage entwickelt sich nicht selten zu einer Entscheidungsfrage, indem entweder die Wahl ganz selbstverständlich auf den Unterricht fällt und Erziehung eher als Angelegenheit der Eltern betrachtet wird. Oder es wird hinsichtlich des beruflichen Selbstverständnisses von Lehrerinnen und Lehrern die Erziehung als Additiv zum Unterricht hinzu gefordert, um z. B. Unsicherheiten und Überforderungen der Eltern hinsichtlich geltender Normen und Werte zu kompensieren, oder weil das Auftreten von Gewalt an Schulen ein ernst zu nehmendes Problem darstellt, dem nicht allein durch Unterricht zu begegnen ist. Der Fachunterricht hat nach solchem Verständnis die Funktion zu erfüllen, Inhalte und Methoden weiterzugeben, die aus einer Fachlogik resultieren und im Lehrplan verankert sind. Erziehung hingegen sei weniger an die Vermittlung von Inhalten gebunden und diene stärker der Gesamtformung der Persönlichkeit entsprechend gültiger Werte- und Normvorstellungen (vgl. Helsper/Keuffer 21996, S. 82).

Theorien, die dem folgen, modellieren die Begriffe »Erziehung« und »Unterricht« als disjunkte Begriffe, d. h. sie operieren mit der These, dass Erziehung und Unterricht gegensätzliche Begriffe auf einer Abstraktionsebene sind, die nur in den Merkmalen übereinstimmen, die sie eindeutig als einem Gattungsbegriff, der z. B. »Grundformen professionellen Handelns von Lehrerinnen und Lehrern« (Kiper 2001, S. 5) oder »Grundform[en] institutionalisierten pädagogischen Handelns« (Helsper/Keuffer 21996, S. 82) lauten könnte, zugehörig ausweisen (Abb. 2).

Abb. 2: Veranschaulichung der These: Erziehung und Unterricht sind disjunkte Begriffe

Dieser Gattungs- bzw. Oberbegriff wird in einem der oben genannten Beispiele nach Zuständigkeit ausdifferenziert, indem gefragt wird, für welche Formen pädagogischen Handelns die Lehrer und für welche die Eltern (bzw. Sozialpädagogen, Erwachsenenbildnerinnen usw.) zuständig sind. Im anderen Beispiel ergibt sich der Teilungsgrund aus der Frage nach der Funktion von Erziehung und Unterricht.

Ob auf diese Weise (Abb. 2) der Oberbegriff eindeutig in eine Reihe ihm untergeordneter Begriffe geteilt wird und ob die gefundenen Unterbegriffe »Erziehung«, »Unterricht«, »Beratung« usw. dann auch tatsächlich der begriffslogischen Grundforderung nach reinem Gegensatz ihrer Glieder folgen und nicht einfach nur Ergebnis einer populären Unterscheidung sind, hängt von den zugrunde liegenden Begriffsbestimmungen ab, denen hier nicht weiter nachgegangen werden soll.

Es gibt aber auch Theorien, die Unterricht und Erziehung nicht auf einer Abstraktionsebene miteinander vergleichen. So kommt Johann Friedrich Herbart zu dem Schluss: »[D]ie Bildung des Gedankenkreises ist der wesentlichste Teil der Erziehung« (1806a/21982, S. 114). Und Klaus Prange (vgl. 2005) arbeitet das Zeigen als Grundform des Erziehens heraus. Die solchen Theorien innewohnende Aussage verhält sich wie eine Anti-These zur vorherigen, indem nun behauptet wird, dass Unterricht, z. B. in Gestalt des Schulunterrichts, eine besondere Form von Erziehung darstelle und deshalb der Erziehung strukturlogisch untergeordnet sei (Abb. 3).

Abb. 3: Veranschaulichung der Anti-These: Schulunterricht ist eine Erscheinungsform von Erziehung und deshalb der Erziehung strukturlogisch untergeordnet

Welche der beiden Thesen für das vorliegende Buch erkenntnisleitend ist, soll nachfolgend entschieden und erläutert werden. Dabei kommen wir nicht umhin, eine begriffliche Basis beginnend mit dem Erziehungsbegriff zu schaffen, wenngleich in der Beschäftigung mit Bestimmungsversuchen einschlägiger Erziehungswissenschaftler und Pädagogen aus Geschichte und Gegenwart sehr schnell klar wird, dass es »den« Begriff der Erziehung nicht gibt:

  Johann Friedrich Herbart (1804/31884, S. 187, Hervorh. i. Orig.):
»Machen, daß der Zögling sich selbst finde, als wählend das Gute, als verwerfend das Böse: dies, oder nichts, ist Charakterbildung! Diese Erhebung zur selbstbewußten Persönlichkeit soll ohne Zweifel im Gemüt des Zöglings selbst vorgehen, und durch dessen eigne Thätigkeit vollzogen werden; […]: das ist es, was sich der Erzieher als möglich denken, was zu erreichen, zu treffen, zu ergründen, herbeizuführen, fortzuleiten, als die große Aufgabe seiner Versuche ansehen muß.«

 

  Otto Willmann (1876/1980, S. 282f., Hervorh. i. Orig.):
»Die Erziehung […] besteht in derjenigen fürsorgenden und stellvertretenden Tätigkeit des erwachsenen Geschlechtes, durch welche es das nachwachsende instand setzt und dazu anhält, sich die Grundlagen der Zivilisation und Kultur, welche die Gesellschaft besitzt, zu eigen zu machen. […] Die Erziehung ist einesteils die Propagation der Kultur und Gesittung auf das nachwachsende Geschlecht. […] Andernteils aber ist es doch die Fürsorge für den Nachwuchs, welche das Treibende bildet. Seine Förderung erscheint als Zweck und jene Güter nunmehr als Mittel. […] Beide Seiten sind untrennbar verbunden: materiale und formale Seite. Anbildung – Ausbildung. Die materiale allein: Abrichten. So auch das doppelte Motiv der Erziehung: Liebe zur Nachkommenschaft (natürliche, erziehende Liebe gleichsam eine elementare Kraft) – das Interesse an der Gesellschaft, deren Lebensordnung und ihren Kulturinhalten (das soziale Bewußtsein, das Bewußtsein der sozialen Pflichten).«

 

  Ellen Key (1900/1992, S. 76f.):
»Goethe zeigt schon im ›Werther‹ den klaren Blick für die Bedeutung einer individualistischen und psychologischen Erziehung, den Blick, der das ›Jahrhundert des Kindes‹ auszeichnen wird. […] Ruhig und langsam die Natur sich selbst helfen lassen und nur sehen, dass die umgebenden Verhältnisse die Arbeit der Natur unterstützen, das ist Erziehung.«

 

  Wolfgang Brezinka (31995, S. 161f.):
»Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgend einer Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten. […] Was zu erreichen bezweckt wird, kann eine relativ einfache Eigenschaft sein (wie z. B. die Fähigkeit, sich selbst die Schuhriemen zu binden) oder ein komplexes Eigenschaftsgefüge (wie z. B. die Beherrschung einer Fremdsprache, eines Handwerks usw.) oder eine bestimmte Verfassung der Gesamtpersönlichkeit (wie z. B. die christliche oder die humanistische Persönlichkeit, der mündige Bürger usw.).«

 

  Michael Winkler (2003, S. 49): »Erziehung ist mithin der Versuch, Bedingungen zu organisieren, in welchen sich die Subjekte selbst zu ihrer Subjektivität bilden, auf ihrem eigenen Weg, in ihrer eigenen Zeit.«

 

  Wolfgang Schulz (122006, S. 56):
»Erziehung definiere ich heute als Bezeichnung für alle jene Interaktionen, mit denen Menschen, Mitglieder einer Gesellschaft, das entwicklungsbedingte Informations-, Verhaltens- und Wertungsgefälle untereinander dauerhaft abbauen wollen, nicht primär, um unmittelbar Aufgaben in Natur und Gesellschaft zu lösen, vielmehr, um insbesondere die jüngeren, orientierungs-, einstellungs- und handlungsunsicheren Interaktionspartner zu befähigen, sich selbst als über sich verfügende Personen hervorzubringen oder wiederzugewinnen, in Auseinandersetzung mit den ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Ordnungen, die kritisch aufzunehmen wie mitbestimmen zu lehren und zu lernen gleichermaßen das Ziel ist: Bildung.«

 

  Ralf Koerrenz (2010, S. 27):
»Erziehung ist ein intentionales Handeln – ein intentionales Handeln mit einer ganz bestimmten Vorstellung vom...

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